2018-04-17

Die Legende von den Shambhala-Kriegern


Von Edwina Shaw auf upliftconnect.com; übersetzt von Taygeta

Begrüssen wir unseren inneren Krieger zur Schaffung des Weltfriedens

Eine tibetische Legende besagt, dass das Königreich Shambhala sich erheben wird, wenn die Welt in Gefahr ist, sich selbst durch Gier und Verderbnis zu vernichten.

Es heisst, dass dies eine Zeit ist, in der zwei Grossmächte, eine im Westen und eine im Osten, auf Zerstörung setzen und, obwohl sie viel gemeinsam haben, sich nur auf die Anhäufung von Waffen unvorstellbaren Grauens konzentrieren, mit denen sie sich gegenseitig zerstören wollen. Es scheint, dass das Überleben jedes fühlenden Wesens in Gefahr ist. Es ist eine Zeit der Apokalypse. Eine Zeit, so scheint es vielen, die uns unmittelbar bevorsteht. Es ist in dieser Zeit, dass die Krieger von Shambhala aufstehen und grosse Heilung bewirken.

Es gibt verschiedene Interpretationen dieser Prophezeiung, von denen einige das Kommen des Königreichs Shambhala als Metapher für die eigene innere spirituelle Reise darstellen, während andere es als ein auch äusseres Ereignis auffassen, das sich in unserer Welt unabhängig von dem, was wir selbst konkret tun, entfalten wird. Die folgende Version der Legende vom Aufstieg der Shambhala-Krieger stammt von Choegyal Rinpoche von der Tashi Jong Gemeinschaft in Nordindien, mitgeteilt durch seine Freundin Joanna Macy.

Wer sind diese Shambhala-Krieger?

In dieser Zeit des Aufruhrs und der Angst erhebt sich das Königreich Shambhala. Und aus diesem Königreich kommen Krieger, um die Hasser und Waffenproduzenten zu stürzen. Diese Krieger haben kein eigenes Land, sie leben in den Ländern der kriegführenden Parteien, wandeln unter denen, die auf Zerstörung bedacht sind. Aber durch den individuellen Mut und die mitfühlende Weisheit der Shambhala-Krieger wird die Welt zum Frieden und zur Heilung gebracht.


Ein Mönch meditierend auf einem Felsen: Einige glauben, dass das Kommen von Shambhala eine Metapher für die innere spirituelle Reise ist.

Shambhala-Krieger haben keine Uniform, keine Abzeichen, sie erkennen sich vielleicht nicht einmal gegenseitig auf der Strasse. Es ist ein individueller Weg. Aber diese Menschen mit spiritueller Gesinnung sind aufgerufen, an die Schalthebel der Macht zu gehen und die Massenvernichtungswaffen abzubauen. Die Shambhala-Krieger bringen grosse Veränderung und Heilung von innen heraus. Sie können dies ohne Angst tun, sagt Choegyal, weil sie wissen, dass jene alle Waffen aus dem Geist gemacht sind und daher auch vom Geist abgebaut werden können. Die Shambhala-Krieger wissen, dass die Zerstörungskräfte nicht von aussen kommen, sondern von innen; dass es unsere eigene Gier und unsere Angst und unser Hass sind, die die Waffen erschaffen, die jetzt die Welt bedrohen.

Waffen des Mitgefühls und der Erkenntnis

Um Veränderungen an den Schalthebeln der Macht herbeizuführen und die Waffen abzubauen, die uns alle zu zerstören drohen, müssen diese spirituellen Krieger ihre eigenen Waffen trainieren. Ihre beiden wesentlichen Waffen sind Mitgefühl und Erkenntnis. Mitgefühl ist wichtig, weil es uns bewegt – wenn wir offen sind für den Schmerz anderer, werden wir dazu gebracht, zu handeln, um das Leiden zu lindern. Doch Mitgefühl allein reicht nicht aus. Wir können ausgebrannt und wütend werden und voller Verzweiflung, überwältigt von dem Schmerz, den wir um uns herum wahrnehmen. Nebst dem Mitgefühl ist Erkennen nötig, um unserer Wärme Struktur geben zu können. Unsere leidenschaftlichen Herzen müssen mit einem rationalen Verständnis dafür, dass all Dingen miteinander verbunden sind und miteinander in Beziehung stehen, kombiniert werden, damit wir erkennen, dass es kein Kampf zwischen äusseren Kräften ist, sondern eine Auseinandersetzung mit dem Guten und Bösen in jedem einzelnen menschlichen Herzen.


Shambhala-Krieger sind einfach Menschen, die grosse Veränderungen und Heilung bewirken wollen.

Erkenntnis bringt das Wissen mit sich, dass jede Handlung, die mit reiner Absicht unternommen wird, eine Welle der Heilung in der Welt erzeugt, die weit grössere Auswirkungen hat, als wir uns vorstellen können. Doch Erkenntnis allein kann zu kühl und distanziert sein, also braucht sie die Wärme und Kraft des Mitgefühls, um sie in die Tat umzusetzen. Die beiden zusammen ergeben weise Aktionen, die den ganzen Planeten verwandeln und heilen können, besonders wenn eine grosse Anzahl von Kriegern – tatsächlich eine ganze Armee – gemeinsam daran arbeiten.
Die Ursprünge von Shambhala

Das Konzept von Shambhala hat seine Wurzeln in einer sehr alten einheimischen, die Sonne verehrenden Religion Tibets. Nach der Annahme des Mahayana-Buddhismus wurde sie in diesen integriert und wurde zu einem Symbol für ein mythologisches Reich des Friedens und der Schönheit, in dem die Menschen in Harmonie leben und weise, mutig und mitfühlend sind. Diese Ideen wurden zuerst von einem portugiesischen katholischen Missionar Estêvão Cacella in den Westen zurückgebracht, der von Shambhala gehört hatte und 1627 aufbrach, um es zu entdecken. Noch Jahrhunderte später, sogar bis in die 1930er und 40er Jahre, gab es immer wieder Westler, die Expeditionen nach Tibet und in die Regionen Nordindiens unternahmen, um dieses mythische Königreich zu finden und seine Geheimnisse zu ergründen. Im späten 19. Jahrhundert unternahm die Gründerin der Theosophie, Helena Blavatsky, eine solche Reise nach Tibet und führte die tibetische Weisheit und die Idee von Shambhala in den Westen ein.


Mitgefühl und Erkenntnis bilden die perfekte Kombination für Heilung und Veränderung.

Chogyam Trungpa, ein buddhistischer Mönch, der während der chinesischen Invasion aus Tibet floh, erhielt die vergessenen Lehren von Shambhala als „Terma“ (ein versteckter heiliger Schatz), während er in einer Höhle meditierte, um das Ende der Invasion abzuwarten. Er transkribierte schnell die Erkenntnisse und Lehren, die er erhielt, aber leider, als er einen Fluss überquerte, der während eines Angriffs der chinesischen Armee beschossen wurde, gingen diese ursprünglichen Lehren verloren. Doch einige Jahre später wurde die Terma wieder geborgen und er fuhr fort, die Lehren der Shambhala-Weisheit in den Westen zu bringen. Er gründete die erste buddhistisch inspirierte Universität der USA, viele Meditationszentren auf der ganzen Welt, und er baute spezialisierte Zentren für die Ausbildung von Shambhala-Kriegern auf. Er ist Autor einer Reihe von Büchern über Shambhala, darunter „Shambhala: The Sacred Path of the Warrior“ und „Cutting Through Spiritual Materialism“und ist heute der Vater der Shambhala-Lehren im Westen.

Shambhala-Übungen für zu Hause

Chogyam Trungpa richtete spezielle Trainingszentren für spirituelle Krieger ein, aber seine Übungen sind einfach genug, um sie auch zu Hause durchzuführen. Der zentrale Glaubensinhalt in Bezug auf Shambhala ist die dem Menschen innewohnende Güte. Vergesse die „Erbsünde“, wir sind alle gut und weise genau so wie wir sind. Die grundlegende Praxis ist die Achtsamkeitsmeditation, die sich auf den Atem konzentriert und gleichzeitig die Aufmerksamkeit auf die Denkmuster richtet, besonders auf jene, die unseren „Kokon“ erschaffen – oder jene starren Überzeugungen, die uns in unserem Sein und Handeln in einer bestimmten Weise gefangen halten, die vielleicht nicht zu unserem besten Nutzen oder zum Nutzen anderer ist. Durch Meditation kommen wir schliesslich zu unserer eigenen persönlichen Erfahrung der Einheit aller Wesen. Und dadurch entsteht sowohl Mitgefühl als auch Erkenntnis – unsere Werkzeuge zur Heilung der Welt.


Es gab viele Expeditionen, um das geheimnisvolle Königreich Shambhala zu finden.

Das Attraktivste an den Shambhala-Übungen ist, dass sie kein Festhalten an einer bestimmten Religion oder Abgeschiedenheit von der Welt erfordern. Es ist eine Praxis, die wir als normale Hausfrauen und -Männer erreichen und nutzen können, um unseren Planeten zu heilen. Wenn du wie ich etwas Probleme hast mit dem Begriff „Krieger“ sowie dem Konzept des Kampfes für Frieden und Heilung, kannst du neue Wege finden, um diese Konzepte auszudrücken. „Make Love, Not War“ klingt für mich gut. „Krieger“ und „Waffen“ sind Begriffe aus einer gewalttätigeren Zeit, einer anderen Ära. Krieg bedeutet Gewalt, Konflikt und Aggression. Krieg und Gewalt sind die Grundlagen des Begriffs „Warrior“/“Krieger“. Ja, wir brauchen die Furchtlosigkeit der Krieger, aber vielleicht können wir stattdessen auf den Mut der gebärenden Frauen zurückgreifen, und nicht auf den Mut derjenigen, die kopfüber in den Kampf zum Töten rennen. Ich schlage vor, statt das Wort Waffen den Begriff Werkzeuge zu verwenden, da es sich hierbei nicht um Werkzeuge der Zerstörung, sondern um Werkzeuge der Heilung und Besänftigung handelt.

Bevor wir anfangen können, unsere Herzen und die Welt zu heilen, müssen wir die Sprache, in der wir diese Handlungen beschreiben, neu gestalten. Es ist wichtig, unseren rechtmässigen Zorn gegen Ungerechtigkeit zu nutzen, aber dieser Zorn muss in positives Handeln kanalisiert werden, indem wir neben dem Mitgefühl, das unseren Zorn gegen die Ungerechtigkeiten auslöste, auch Weisheit einsetzen. Wir müssen unsere Erkenntnis und unser Wissen darüber, dass alle Wesen miteinander verbunden sind, nutzen um zu verstehen, dass wir, wenn wir anderen schaden, auch wenn wir dabei ein höheres Ziel verfolgen, auch uns selbst und unserer Sache schaden. Wenn wir hassen, anstatt zu lieben, verletzen wir uns nur selbst. Wir müssen spirituelle ARBEITER werden, keine Krieger, und Mitgefühl und Weisheit als unsere WERKZEUGE und nicht als Waffen einsetzen.



Schmetterlingseffekt: Wir alle können Veränderung und Heilung anstossen, ob wir uns nun mit dem Begriff des „Krieger“ identifizieren oder nicht.

Wenn wir sowohl mitfühlend als auch einsichtsvoll sind, können wir die Veränderungen mit Mut angehen. Wenn unsere Absichten rein und auf das Wohl aller ausgerichtet sind, und weil alles miteinander verbunden ist, wissen wir, dass aus unseren Taten nur Gutes folgen wird. Durch kleine Taten der Güte und durch mutige und sanfte Herzen wird die Welt zur Heilung kommen. Es kommt vielleicht nicht alles auf einmal. Es wird kaum ein grosser Kriegerkönig kommen, um uns in einem spirituellen Kampf anzuführen, stattdessen wird wohl die gleiche Arbeit durch die sanfte Weisheit und die Liebe vieler Herzen getan werden, und es wird das gleiche Ergebnis erreicht werden – umfassender Friede.

Quelle: http://transinformation.net/die-legende-von-den-shambhala-kriegern/
Kommentar veröffentlichen