2018-04-15

Die Falle des spirituellen Materialismus


Von Edwina Shaw, auf upliftconnect.com; übersetzt von Taygeta

„Spiritueller Materialismus“ ist ein Begriff, der erstmals von Chogyam Trungpa Rinpoche verwendet wurde, einem tibetisch-buddhistischen Lehrer, der Anfang der siebziger Jahre in die Vereinigten Staaten kam. In seinem Buch Cutting Through Spiritual Materialism (’Den spirituellen Materialismus durch schneiden’) erläuterte Trungpa seine Theorien darüber, wie das Ego den spirituellen Pfad gerne für seine eigenen Zwecke nutzt, und über die Fehler, die die Suchenden bei ihrem Streben nach Erleuchtung leicht begehen können.

Das Problem ist, dass das Ego alles zu seinem eigenen Gebrauch umfunktionieren kann… sogar die Spiritualität. ~ Chogyam Trungpa Rinpoche

Im Westen sind wir zur Ansicht gelangt, dass unsere spirituelle Suche zur „Selbstvervollkommnung“ führe – was alles gut und schön ist. Nur, was ist das Selbst? Ego?

Gerade im Westen, wo wir von frühester Kindheit an zu Individualismus und materiellen Anhäufungen konditioniert werden, ist es leicht, solche tief verwurzelten Strukturen des Lebensverständnisses auch der Spiritualität aufzuzwingen. Wir können Kurse und Retreats und Praktiken sammeln wie Medaillen oder Sporttrophäen aus der Kindheit und so unsere immer hungrigen Egos füttern. «Sieh mich an! Schau, wie viel ich aufgegeben, gelesen und in mein spirituelles Leben investiert habe!» Als ob die spirituelle Suche uns irgendwie besser macht als die Person neben uns, die keine Notwendigkeit verspürt, jeden Tag zu meditieren oder eine Stunde Asana zu praktizieren oder zu Füssen eines Gurus zu sitzen. Denn der spirituelle Weg entfaltet sich in uns allen.

Ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht – jede unserer Seele wächst und findet ihren Weg. Doch erst wenn das Ego diese Suche ergreift und sich damit ernährt, laufen wir Gefahr, in die Falle des spirituellen Materialismus zu geraten.

Unser Ego kann sich durch vielerlei Dinge ernähren, die Spiritualität eingeschlossen


Die drei Herren des Materialismus

Trungpa diskutierte, wie diese spirituellen Fehler mit drei Missverständnissen zu tun haben, die sich aus dem Materialismus der westlichen Kulturen ergeben. Er nannte sie die „Drei Herren des Materialismus“. Die erste davon ist der „physische Materialismus“, wo der Glaube, dass der Besitz und die Anhäufung von immer mehr und mehr uns das Glück bringen wird. Doch selbst wenn wir das erreichen, was wir uns zuerst gewünscht haben, sehnen wir uns doch immer noch nach mehr. In diesem Sinne begleitet Unzufriedenheit jeden Erwerb. Es ist die Sehnsucht, der man sich stellen muss.

Der zweite Herr ist der „psychologische Materialismus“, bei dem wir glauben, dass ein bestimmter Glaube oder ein bestimmtes Glaubenssystem die Heilung aller unserer Übel sein wird. Wir verlieben uns zum Beispiel in den Buddhismus und denken, dass wir, wenn wir uns mit genügend Kraft in die Praxis stürzen, dem Leiden ausweichen können. Dennoch leiden wir weiter. Wir können uns auf eine Idee oder eine politische Partei einlassen, oder eine Sache, die uns vorübergehend Erleichterung zu verschaffen scheint. Aber diese Erleichterung ist nur vorübergehend. Wir leben immer noch in dieser Welt, und die Religion oder die Ideologie, oder was auch immer wir uns so begeistert angeeignet haben, hält die Herausforderungen nicht davon ab, sich zu entfalten.

Der dritte Herr ist der „spirituelle Materialismus“, der Glaube, dass ein bestimmter Geisteszustand oder eine bestimmte spirituelle Praxis uns von unseren täglichen Problemen befreien wird. Wir können versuchen, uns von der Welt zu entfernen, indem wir Meditations- oder Atemtechniken überstrapazieren, oder indem wir in einem betäubten Nebel leben. Flucht. Irgendwann müssen wir die Meditation beenden, oder die Drogen gehen aus und die Welt dringt wieder ein, und mit ihr das Leid, dem wir uns so vielleicht zu entziehen suchten, die Welt zeigt uns wieder ihr Gesicht, möglicherweise lauter und härter als je zuvor. Das Leben geht weiter, egal wie sehr wir versuchen, es zu blockieren. Scheisse passiert immer noch.

Das Ego – eine Projektion des Geistes

Trungpa lehrte, dass diese drei Herren auf der Idee basieren, dass das Ego real ist, dass es etwas ist, das gezähmt oder trainiert werden muss, obwohl es sich in Wirklichkeit ständig verändert und nicht in sich selbst existiert, nur als Projektion des Geistes. Wenn wir es füttern und unser Selbstbewusstsein etwa um unsere spirituellen Praktiken herum aufbauen, dann ernähren wir nur das, was nicht existiert. Alles, was in dieses falsche Selbst des Egos einzieht, wird uns letztendlich nur noch mehr Leid zufügen.

Was sind nun die Warnzeichen und wie finden wir unsere Freude und lindern unser Leiden, ohne in die Falle zu tappen, das gierige Ego zu nähren? Gott weiss es!

Nabelblicke werden oft verspottet, obwohl es natürlich notwendig ist, den eigenen Verstand und die eigenen Motivationen zu untersuchen. Wenn aber der Fokus darauf gerichtet ist, das ‚Selbst’ anzukurbeln, in einem narzisstischen oder selbstverherrlichenden Sinn, dann wissen wir, dass es vielleicht an der Zeit ist, aufzuhören, nach innen zu schauen und unsere Aufmerksamkeit auf die Welt zu richten und eine Absicht zu setzen, dem Wohl der anderen zu dienen. Aber auch das kann das Ego nähren – «Schau mich an, ich bin so gut, dass ich Weihnachten mit meiner Familie aufgebe (was ich sowieso hasse), um den Obdachlosen Essen zu servieren – bin ich nicht ein guter Mensch?»

Es reicht schon, wenn wir uns unserer wahren Beweggründe bewusst werden.


Zu viel Innenschau kann zu Narzismus führen, wenn wir nicht achtsam sind

Wenn wir von einer Modeerscheinung, einem Lehrer, einem Buch oder einer Idee zur nächsten springen, in der Hoffnung auf sofortige Erleuchtung oder Heilung, dann ist das eine weitere Falle. Leider gibt es keinen einfachen Ausweg; die Arbeit des Lebens geht so lange weiter, wie wir leben. Wir können Wege des Seins finden, die uns helfen, das Ganze vollständiger und ohne Urteil zu erfassen, aber es gibt keine Heilung für das Leben ausser dem Tod. Selbst erleuchtete Wesen trauern, wenn jemand, den sie lieben, stirbt. Wir alle haben Schmerzen.

Die Falle des Konkurrenzkampfes

Das führt mich zu einer weiteren Falle auf dem spirituellen Weg, die ich als Favorit meines eigenen Egos anerkenne – mein Leiden ist schlimmer als dein Leiden, meine Glückseligkeit ist grösser als deine Glückseligkeit – Vergleich und Konkurrenz, wie sie dem Kapitalismus innewohnen, aber für das Streben nach einem friedlicheren Leben völlig nutzlos sind. Wir alle leiden, wir alle finden unsere Glückseligkeit.

Achte auf das Ego, das nach Nahrung greift.


Wenn du dich in deiner eigenen Heiligkeit wiederfindest, dann ist es vielleicht an der Zeit für einen Realitäts-Check.

Früher oder später kommt es sowieso zu dir. Wenn du dich dabei erwischst, wie du nur noch über deinen letzten spirituellen Lehrer, dein Buch oder deine Praxis redest und versuchst, andere für die Sache zu gewinnen – schau dich genau an – verkaufst du es dann? Wenn wir etwas verkaufen, dann sind wir wahrscheinlich in den spirituellen Materialismus umgekippt.

Wenn du dich dabei erkennst, wie du deine Glaubensinhalte anpreist oder verkaufst, ist es vielleicht Zeit für einen Realitäts-Check

Das bedeutet aber nicht, dass du nicht ein grossartiges Buch über die Suche nach Glück schreiben kannst, oder nicht Heilungsdienste gegen eine Gebühr anbieten darfst. Es ist nur eine Vorsichtsmassnahme, um sicherzustellen, dass das Herz deiner Praxis im Dienst zentriert bleibt, und nicht, dass sie deinem eigenen Bedürfnis nach einem grossen schicken Haus und einem brandneuen Auto dienen.

Werde es dir auch bewusst, wenn du dich auf Quick-Fixes (schnelle Lösungen) einlässt, oder auf Super-Gurus und alles, was sofortige Erleuchtung verspricht oder eine Heilung für das, was wir in unserem Leben vermissen. Solche Sachen können geschehen, aber die Wirklichkeit ist, dass in jedem von uns sich der eigene Weg entfaltet, innerhalb uns und für die Ganzheit unserer Leben. Selbst wenn wir zu einer Art von innerem Frieden kommen, kann es immer noch Ereignisse geben, die uns bis ins Mark erschüttern und uns vielleicht alles, was wir so hart erkämpft haben, wegnehmen.

Im Westen haben wir die schlechte Angewohnheit, uns die Spiritualität anderer Kulturen anzueignen, wir lieben es, uns andere Rituale oder Praktiken auszuleihen, sie zu mischen und zusammenzubringen, ohne wirklich über die Kultur oder Geschichte nachzudenken, die den entsprechenden Weg geprägt haben. Ein wenig von diesem und ein wenig von dem einsammeln, ohne gebührende Rücksicht, einfach akkumulieren… . Es ist wichtig, die Praktiken anderer Kulturen mit Respekt und Sorgfalt zu behandeln.

Sprachhinweise

Die Worte, die wir verwenden, wenn wir uns auf unsere spirituellen Pfade beziehen, geben uns Hinweise darauf, ob wir in die Falle der Ich-Identifikation durch Spiritualität – den spirituellen Materialismus – geraten. Wenn wir Wörter wie Kaufen und Verkaufen, Erreichen, Verlieren und Gewinnen, mehr und mehr, mehr als – weniger als, Worte des Urteils, der Trennung und des Erwerbs verwenden, dann brauchen wir wahrscheinlich einen Weckruf.

Chögyam Trungpa sagte:

(Spiritueller Materialismus ist) sich selbst zu täuschen und zu denken, dass wir uns spirituell entwickeln, während wir stattdessen unsere Egozentrik durch spirituelle Techniken stärken.

Was also ist Spiritualität?

Wie können wir uns auf unseren spirituellen Pfaden begeben, ohne in diese Fallen zu treten? Bewusstsein ist der Schlüssel. Und dann, wenn wir uns einmal bewusst sind, konzentrieren wir uns nicht nur auf uns selbst und unsere eigene Heilung, sondern auch darauf, irgendwie dem grösseren Wohl zu dienen. Wahre Spiritualität bedeutet für mich, das Leben so zu erfahren, wie es ist, und gleichzeitig den Teil von uns selbst, von anderen und vom Universum zu erfahren, der aus einer höheren Quelle kommt und sich mit dieser Quelle zu verbinden, in welcher Weise dies auch für gut ist für den Einzelnen.


Es ist wichtig den eigenen Weg zur Verbindung mit der eigenen Spiritualität zu finden

Trungpas Schriften über spirituellen Materialismus dienen dazu, uns an den Trick zu mahnen, den wir alle mit uns selbst spielen, nämlich das Ego durch Selbsterhöhung zu nähren. Stattdessen zeigt er uns eine weitaus hellere Realität, die wahre Freude, die darin besteht, das Ego loszulassen und einfach nur hier im Moment auf den Wellen des Lebens zu reiten, während sie aufsteigen und fallen.

Kommentar veröffentlichen